26 Okt

Mein Smartphone & Ich – eine Hassliebe

Von Lukas Christeinicke

Benutzung seit letzter vollständiger Ladung: 6 Std., 52 Min. Ich musste schlucken. Das ich ein Handy-Junkie bin, war mir schon immer bewusst, doch stets konnte ich diese traurige Eigenschaft gekonnt verdrängen. Bis heute. Eine Funktion im Iphone, welche die Nutzung seit der letzten vollständigen Ladung in Stunden und Minuten dokumentiert, überführt nun jeden Handysüchtigen – auch mich.

Gedanklich ließ ich den Tag Revue passieren und fragte mich, wann ich so viel Zeit am Smartphone verbracht habe. Auf eine Antwort kam ich nicht. Schlussfolgernd sah ich das Problem in einer unbewussten Nutzung, welche ich gleichermaßen als Schlüssel zum Erfolg sah. Um meine Sucht in den Griff zu bekommen, sah ich mich gezwungen, mein Smartphone nur bei absoluten Notfällen aus der Hosentasche hervorzuholen.

Umso mehr Zeit verging, ohne auf meinen Display zu schauen, desto unmöglicher kam mir dieses Unterfangen vor. Schon am nächsten Morgen wurde ich auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Wie immer stieg ich in den 24er Richtung Niendorf Markt um zur S-Bahn zu gelangen. Als ich in den Bus stieg und mir einen freien Platz suchte, sah ich all die Menschen, die wie besessen in ihre Smartphones schauten und dabei ihre komplette Außenwelt ausblendeten. Sofort schoss mir mein guter Vorsatz in den Kopf und ich setzte mich auf einen freien Platz und schaute aus dem Fenster.

Es fing an zu regnen, der Bus steckte im Stau und ich verlor mich in Gedanken. Plötzlich fiel mir ein, dass ich am Nachmittag eine Verabredung hatte und fragte mich ob für den Nachmittag noch immer Regen angesagt war. Ich holte mein Handy aus der Tasche und wischte gekonnt über den Display zu meiner Wetter-App. Mist, Regen. Den ganzen Tag. Ich seufzte und wie von Geister Hand öffnete sich meine Facebook-App, gefolgt von Instagram, Snapchat, Whatsapp, und Twitter.

„Junger Mann!“, wurde ich unsanft aus meinen Gedanken gerissen. „Sie müssen aussteigen, wir haben die Endhaltestelle erreicht!“. Erschrocken sah ich mich um. Ich konnte die Umgebung nicht identifizieren, ich war wie ein hilfloser Wal gestrandet. Missmutig stieg ich aus und verfluchte erst mich und dann mein Smartphone.

Wie ein begossener Pudel stand ich im Regen bis mich plötzlich ein Geistesblitz traf. Ich holte mein Handy aus der Tasche und keine drei Handbewegungen später hatte ich über MyTaxi einen digitalen Notruf abgesetzt. Ich war gerettet und gab meinem Handy einen Kuss. Niemals wieder, das schwor ich mir, würde ich diese Beziehung in Frage stellen.