05 Mai

Lernen ohne Uni – funktioniert das wirklich?

Von Merle Tölke

In der ZEIT habe ich einen Artikel gelesen, über einen jungen Studenten, der sich selbst zum Modellversuch macht. Er hat sein Elitestudium geschmissen und schreibt über sein „Lernen ohne Uni“ den Blog „anti-uni.com

Ich selber finde das Ganze sehr interessant, frei von den gewöhnlichen Formen wie z.B. Klausuren, Facharbeiten, Vorträgen ein Studium zu absolvieren. Ja, auch an einer privaten Uni müssen wir Klausuren schreiben. Ich studiere im vierten Semester an der EMBA Hamburg. Grundsätzlich klingt Bens Versuch schon toll, keine festen Zeiten mehr, keine Klausur oder andere Prüfungstermine, nur noch das lernen, wo man wirklich Bock drauf hat.

Doch ist das wirklich so einfach? Geht das wirklich auf, was der junge Ben Paul da als neue Bewegung ins Rollen bringen will, für die „Macher von Morgen“, wie es auf seinem Blog anti-uni.com heißt?

Ich sehe das etwas kritisch: wo ist die offizielle Seite seines „Studiums“, also was für einen Abschluss hat er dann? Einen Bachelor kann er sich ja selber schwer ausstellen. Klar, das alte Konventionelle mit Bewerbung in Papierform mit Lebenslauf etc. ist total out. Ich selber habe meinen Praktikumsplatz komplett ohne irgendwelche Unterlagen bekommen. Es war vor allem wichtig, wie ich aufgetreten bin … das aber nur am Rande. Daher sehe ich auch – wie Ben Paul – unsere Gesellschaft ist dabei, sich zu wandeln. Doch ich bin der Meinung, dass man – egal in welchen Beruf man einsteigen möchte – irgendetwas zum Nachweis braucht.

Ich lerne bei meinem Studium vieles, was sehr praxisnah ist, aber auch die andere Seite, wie z.B. Rechtsgrundlagen. Ich finde, von solchen Sachen sollte man schon mal etwas gehört haben, wenn man Jobs im Management oder so anstrebt.

Eine ganz entscheidende Frage lässt Ben Paul meiner Meinung nach außer acht: Ist die Wirtschaft schon bereit dazu, auch solche Leute wie ihn einzustellen, die auf solch unkonventionelle Art lernen und ein „Studium“ absolvieren? Noch sitzen überall in den Firmen die „Alt-Denkenden“ (so möchte ich sie einfach mal nennen), die darauf achten, was hat der Bewerber gemacht und ob derjenige eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen akademischen Abschluss hat?

Eine weitere große Frage, die mich beschäftigt, ist die, ob er auch wirklich alles das lernt, was wichtig ist? Und wo bekommt er Hilfe, wenn er irgendwas so gar nicht versteht? Findet man im Internet wirklich immer alle Antworten oder hilft ein Gespräch mit einem Dozenten nicht eher weiter?

So wie es staatlichen Universitäten läuft, kann es auch nicht weiter gehen. Tausende Bewerber auf 50 Studienplätze, Probleme bei der Stundenplan Organisation, wichtige Module überschneiden sich (ich sehe das bei Freunden von mir, die staatlich studieren). Die haben ganz schön vollgestopfte Tage, müssen dann noch spät abends Skripte lesen und Vorlesungen für den nächsten Tag vorbereiten oder andere nachbereiten. Da habe ich es schon etwas entspannter. Das kann aber auch daran liegen, dass ich mich ganz bewusst für eine private Hochschule und gegen eine staatliche Universität entschieden. Diese Entscheidung fiel schon in der zwölften Klasse. Damals hatte ich  noch gut anderthalb Jahre Zeit bis zu meinem Abi, aber die Frage, was will ich machen, wenn ich mein Abi in der Tasche habe?, hat mich lange beschäftigt und lies mir einfach keine Ruhe. So führte mich mein Weg an die EMBA.

Ich sitze mit 15 Mitstudenten in einem hellen Raum – man kann sich das als Konferenzraum vorstellen. DerDozent oder die Dozentin sitzt genau vor uns und ich kann jederzeit hingehen und mir Hilfe holen, Fragen stellen. Aus den Erzählungen von meinen Freunden an der staatlichen Uni weiß ich, damit habe ich echt Glück. Bei denen sieht das ganz anders aus.

„Education hacker“ nennt sich Ben Paul und sein Modell hat sicher Zukunft auch in Deutschland (die Bewegung kommt aus den USA). Nur meiner Meinung nach müssen da irgendwelche Richtlinien rein, damit auch diese Form des Studierens auch offiziell anerkannt wird. Auch Ben war erst an einer Privatuni, hatte aber schon nach zwei Semestern fast Burn-out. Also müssen wohl auch Privatunis in ihrem Konzepten etwas ändern, damit ihre Studenten nicht Gefahr laufen, schon kurz nach Studienbeginn auszubrennen.

Die EMBA betrifft das nicht. Ich habe noch von keinem EMBA-Studenten gehört, das er/sie Angst hat/ hatte eine Burn-out zu bekommen, weil das Studium hier zu kräftezehrend und anstrengend ist.

Ben Paul ist der Meinung, „dass in unserem Bildungssystem so einiges schief läuft“ und macht daher „mein eigenes Ding“. Dem kann ich so nur zustimmen, aber doch bitte in einem Rahmen, in dem es noch irgendwelche Normen oder Regeln oder so was gibt. Ich sehe ein ganz großes Problem darin, das Leute, die nicht so gut aus eigenem Antrieb lernen, oder sich für etwas begeistern, darin untergehen werden. Also, ich meine jetzt die Personen, die sich denken „ach super Idee! Das will ich jetzt auch so machen“ und eigentlich gar keine so große Lust darauf haben, alles aus eigenem Antrieb zu machen. Für die ist das definitiv nichts.

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