17 Apr

Leg das Handy weg

… hört Pauline Kolde regelmäßig.

Ding! Ding! Ein Geräusch, mit dem sich mein Handy immer wieder in mein Gedächtnis ruft. Am liebsten würde es das den ganzen Tag machen, wenn ich nicht meistens den Ton ausstelle. Trotzdem ist es immer bei mir. Ohne geht ja auch gar nicht mehr, schließlich muss man überall und immer für jeden erreichbar sein. Mein Handy liegt entweder in meiner Hand, auf dem Tisch neben mir oder in meiner Tasche, selten entferne ich mich mehr als 5 Meter von ihm. Es könnte ja eine neue Nachricht ankommen, die ich sofort beantworten muss. Und es kommen oft Nachrichten. Meistens ist das Spam aus meinem Emailfach oder die große Eskalation, wenn in einer der zahlreichen WhatsApp-Gruppen eine Diskussion entfacht ist, die ich nur verstehen kann, wenn ich die 100 Nachrichten davor lese. Aber zwischendrin könnte ja wirklich was Wichtiges kommen und darauf bin ich vorbereitet.

Zuhause am Küchentisch gehört der Satz meiner Mutter „Leg das Handy weg“ als Aufforderung an mich und meinen Bruder mittlerweile zum Standardrepertoire.
Wenn ich mit Freunden ausgehe, liegen auf dem Tisch im Café mindestens 4 Handys, die blinken, vibrieren oder Ding! Ding! machen. Ich bin also nicht alleine!

Social Media standby

 

Vor kurzem haben sich auch meine Eltern ein iPhone gekauft und geben mir seitdem gefühlt minütliche Lebensupdates.

10:49 Ich brauche eine Brille, was hältst du von diesen Modellen?

Es folgen 10 Fotos. Übergroße Selfies meiner Mutter mit 10 verschiedenen Brillen und einem ausdruckslosen Gesicht oder einem gequältem Lächeln.
Jetzt muss ich in kürzester Zeit einen Kommentar zu jeder Brille verfassen.

10:51 PAULINE, ICH WARTE AUF EINE ANTWORT!

In Großbuchstaben auch noch, die Stimme meiner Mutter klingelt in meinen Ohren.
Smartphones nerven.

Mein Papa war letzte Woche mit seiner Freundin im Urlaub. Dank der stündlichen Fotos, die er mir geschickt hat, war ich quasi live dabei. Wie sie auf einem Berg in Südtirol wandern oder im Infinity Pool mit Blick aufs Tal schwimmen waren, in Meran einen Kaffee getrunken oder im Hotel ein 3-Gänge-Menü genossen haben.
Da zusammen mit den Bildern entweder keine weitere Nachricht erschien, oder wenn dann kleine Sonnen- oder Blumen-Icons, wusste ich auch nicht so genau, was ich darauf antworten soll. Hinter jedem Bild steht in unserer Konversation jetzt also ein „schön“ oder „wow“ von mir. Irgendwas muss ich ja dazu sagen.

Ich lade bei Facebook ein neues Foto hoch, schließlich muss ich mich ja auch bei meinen Freunden ins Gedächtnis rufen und ihnen zeigen, wie toll ich in meinem neuen Kleid am Strand von Griechenland aussehe. Ich warte mit Spannung auf die vielen Ding! Ding! von meinem Handy. Nach 10 Minuten ertönt endlich das erste. Kurz darauf ein zweites. Ich warte ein paar Minuten, bevor ich nachschaue. Ich will ja nicht zu verzweifelt wirken. Ding! Ding! Oh, ein drittes like!
Babette Kolde und zwei weiteren Freunden gefällt dein Foto. Wow, meine Mutter, mein Vater und mein Onkel mögen mein Bild. Ich überlege, ob ich es wieder aus dem Internet nehme.
Mehr als meine Fotos liken machen meine Eltern auch nicht auf Facebook. Meine Mutter stalkt ab und zu mal Freunde von ihr, die sehr aktiv auf Facebook sind oder deren Kinder. Wir haben also doch etwas gemeinsam.

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Von Facebook versteht meine Oma überhaupt nichts. Ich hab ihr schon öfters erklärt, was das ist. Aber sie erkennt einfach keinen Sinn darin. Ihr 1000 Jahre alter Laptop, der eine Stunde zum Hochfahren braucht, wird auch nur benutzt, um Bilder für ihren Malkurs auszudrucken.
Meine Oma beklagt sich oft, dass sie in der U-Bahn die einzige ist, die kein „Gerät“, wie sie es nennt, in der Hand hat. Sie selbst hat ihr Handy auch immer bei sich. Es ist aber ausgeschaltet. „Damit der Akku nicht so schnell leer wird“, sagt sie. Sie hat ein Nokia 3310. Der Akku hält länger als eine Woche.
Ein Besuch bei meiner Oma mit meiner Mutter gleicht einer Farce. Mein Handy ist irgendwo, jedenfalls nicht in meiner Nähe und Mamas Handy liegt neben ihr am Aufladekabel, das sie immer dabei hat. Sie erzählt von ihrem Theaterbesuch … Ding! Ding! … ein kurzer Blick aufs Handy, dann geht die Erzählung weiter. Ding! Ding! meine Oma und ich tauschen genervte Blicke aus. „Leg doch endlich mal das Handy weg“, sagt meine Oma.

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